Eine Frau, kaum größer als ein Kind, malt in einem winzigen Haus an der kanadischen Küste leuchtende Blumen und Katzen – und wird damit nach ihrem Tod weltberühmt. Immer wenn der Film „Maudie“ im deutschen Fernsehen läuft, fragen sich viele Zuschauer: Hat es diese Maud Lewis wirklich gegeben? Ja. Und ihre echte Geschichte ist fast noch erstaunlicher als der Film.

Wer war Maud Lewis?

Maud Kathleen Lewis, geborene Dowley, kam am 7. März zur Welt – je nach Quelle 1901 oder 1903, im Südwesten der kanadischen Provinz Nova Scotia. Geboren wurde sie im Krankenhaus von Yarmouth, aufgewachsen ist sie im nahen Dorf South Ohio. Schon als Kind war sie von Geburtsfehlern und einer früh einsetzenden (juvenilen) rheumatoiden Arthritis gezeichnet, die ihre Gelenke verformte und ihre Hände immer weniger beweglich machte. Sie blieb klein, ihre Schultern fielen nach vorn – und doch sollte ausgerechnet sie zu einer der bekanntesten Volkskünstlerinnen Kanadas werden.

Ein Leben im winzigen Haus

Am 16. Januar 1938 heiratete Maud den Fischhändler Everett Lewis, einen wortkargen Mann ohne großes gesellschaftliches Talent. Das Paar lebte in seinem Haus in Marshalltown: ein einziger Raum mit einem Schlafboden unter dem Dach, eng, dunkel und ärmlich. Strom oder fließendes Wasser gab es dort nicht. Genau diese vier Wände sollten bald über und über bemalt sein.

Everett verkaufte Fisch von Tür zu Tür, später arbeitete er als Wächter am örtlichen Armenhaus. Er war es auch, der Maud die erste Schachtel Ölfarben kaufte und sie zum Malen ermunterte. Während er durch die Gegend zog, begann sie, kleine Bilder und selbst gestaltete Weihnachtskarten direkt aus dem Haus heraus zu verkaufen.

Kunst auf jeder Oberfläche

Leinwände konnte sich Maud Lewis nicht leisten. Also malte sie auf alles, was sie fand: auf Pressspanplatten, Keksbleche und Masonitplatten. Und als der Platz knapp wurde, nahm sie sich das Haus selbst vor. Türen, Wände, Fensterläden, die Brotdose, sogar den Ofen verzierte sie mit leuchtenden Motiven. Ihre Themen waren immer heiter: blühende Tulpen, Schmetterlinge, Katzen, Vögel, Hirsche und Ochsengespanne – eine nostalgische, optimistische Version ihrer Heimatprovinz.

SteckbriefMaud Lewis
Geboren7. März 1901 oder 1903 (Quellen uneins), Yarmouth / South Ohio (Nova Scotia)
Gestorben30. Juli 1970, Digby (Nova Scotia)
EhemannEverett Lewis (Heirat 1938)
Bekannt alskanadische Volkskünstlerin (folk artist)
Stilnaive Malerei: Blumen, Tiere, Landschaften
Film„Maudie“ (2016) mit Sally Hawkins

Vom 2-Dollar-Bild zur 350.000-Dollar-Auktion

Zu Lebzeiten verdiente Maud Lewis mit ihrer Kunst kaum etwas. In den Jahren 1945 bis 1950 verkaufte sie ihre Bilder für zwei oder drei kanadische Dollar das Stück; erst in ihren letzten Lebensjahren stiegen die Preise auf sieben bis zehn Dollar. Für das Bemalen von 22 Fensterläden soll sie einmal 70 Cent pro Laden bekommen haben.

Nach ihrem Tod kehrte sich das Verhältnis dramatisch um. Bei Auktionen erzielten ihre Werke 2009 rund 22.200 kanadische Dollar, 2016 bereits 45.000 – und 2022 wechselte ein einzelnes Gemälde für 350.000 kanadische Dollar den Besitzer. Dass aus Kunst ein Vermögen werden kann, zeigt sich auch bei zeitgenössischen Namen wie dem Schweizer Bildhauer Not Vital. Bei Maud Lewis aber ist der Kontrast besonders bitter: Die Bilder, die einst kaum den Lebensunterhalt sicherten, gehören heute zu den begehrtesten Stücken kanadischer Volkskunst.

Später Ruhm – bis ins Weiße Haus

Berühmt wurde Maud Lewis erst spät. Mitte der 1960er-Jahre wurde Kanada landesweit auf sie aufmerksam: zuerst durch eine große Zeitungsreportage, dann durch einen Fernsehbeitrag des Senders CBC. Von da an kamen Sammler und Neugierige bis vor ihr kleines Haus. Und es gehört zur Überlieferung, dass Anfang der 1970er-Jahre sogar zwei ihrer Bilder für das Weiße Haus bestellt wurden – zur Amtszeit von US-Präsident Richard Nixon.

Das bemalte Haus – heute ein Museumsstück

Maud Lewis starb am 30. Juli 1970 an einer Lungenentzündung im Krankenhaus von Digby. Everett überlebte sie um neun Jahre und starb 1979. Danach drohte das bemalte Haus zu verfallen, doch engagierte Bürger gründeten die „Maud Lewis Painted House Society“. 1984 übernahm die Provinz Nova Scotia das Gebäude; heute ist es restauriert und als festes Ausstellungsstück in der Art Gallery of Nova Scotia in Halifax zu sehen – Wand für Wand so bunt, wie Maud es hinterlassen hat.

„Maudie“: der Film zur wahren Geschichte

2016 verfilmte die Regisseurin Aisling Walsh das Leben der Malerin unter dem Titel „Maudie“. Sally Hawkins spielt die von Krankheit gezeichnete Künstlerin, Ethan Hawke ihren raubeinigen Ehemann Everett. Der Film, eine irisch-kanadische Koproduktion, feierte beim Telluride Film Festival Premiere und überzeugte Kritik wie Publikum vor allem durch Hawkins’ stilles, eindringliches Spiel – ähnlich wie Eddie Redmayne, der für seine Rolle als Physiker Stephen Hawking einen Oscar erhielt. Wie die meisten Filmbiografien verdichtet und dramatisiert „Maudie“ manches, bleibt aber nah an den belegten Eckpunkten ihres Lebens.

Im Juni 2026 lief „Maudie“ wieder im deutschen Fernsehen, unter anderem auf dem Sender ONE am 15. Juni um 20:15 Uhr und mit weiteren Sendeterminen im Monatsverlauf; zudem ist der Film zeitweise in der ARD-Mediathek abrufbar. Wer ihn dort entdeckt, schaut auf das Leben einer Frau, die mit kaum mehr als ein paar Pinseln, billigen Farben und sehr viel Lebensfreude ein Stück Kunstgeschichte schrieb.

Quellen: Wikipedia: Maud Lewis, Wikipedia: Maudie (Film) und die TV-Programmdaten von fernsehserien.de.