Jörg Schleyer ist nicht nur der Sohn eines der bekanntesten RAF-Terroropfer, Hanns Martin Schleyer, sondern trägt auch eine Bürde, die nicht jeder tragen kann. So tief die Geschichte seines Vaters in der Geschichte des heutigen Deutschlands verwurzelt ist, so tief ist auch der Lebensweg von Jörg Schleyer, der von der unfassbaren Tragödie und dem Trauma der Vergangenheit geprägt ist. Seine Erfahrung zeigt, wie komplex die Erinnerungskultur ist und welch tiefgreifenden Einfluss ein solches Vermächtnis auf das Leben eines Menschen haben kann.

Schleyer hat in den letzten Jahren bei zahlreichen Gelegenheiten betont, wie wichtig es ist, sich der Geschichte seines Vaters kritisch und mit Respekt zu nähern. Neben der Auseinandersetzung mit seiner eigenen Vergangenheit hat er einen Dialog darüber angestoßen, wie mit schwierigen Phasen der deutschen Geschichte umgegangen werden kann. Als er 2017 mit ehemaligen Geiseln der Landshut-Entführung nach Brasilien reiste, um sich der Vergangenheit zu stellen, wurde sein Engagement noch deutlicher. Er konnte den Schmerz und den Verlust durch die Landshut, ein Symbol für den Terror und das Leid der 1970er Jahre, akzeptieren.
Name | Jörg Schleyer |
---|---|
Geburtsdatum | 1962 (Alter: 63) |
Beruf | Historiker, Aktivist, Herausgeber |
Bekannt für | Sohn von Hanns Martin Schleyer, Familiengeschichte |
Politische Bedeutung | Kritische Auseinandersetzung mit dem Erbe |
Bedeutung der Erinnerung | Förderung des Dialogs über die RAF-Geschichte |
Website | www.joerg-schleyer.de |
Leben im Schatten des Vaters: Der Kampf um die Erinnerung
Eine schwere familiäre Last hat Jörg Schleyers Welt geprägt. Einer der entscheidenden Momente in der deutschen Geschichte war die Ermordung von Hanns Martin Schleyer, dem ehemaligen Präsidenten der Arbeitgeberverbände. Abgesehen davon, dass es sich um eine Gewalttat handelte, markierte sie einen bedeutenden Wendepunkt in Jörgs Leben, und er muss sich ständig mit der Geschichte und den Folgen des Verbrechens auseinandersetzen. Doch wie geht man mit einem Vermächtnis um, das viele Menschen als problematisch empfinden? Wie geht man damit um, wenn man ein Verwandter eines Mannes ist, der in der NS-Zeit mitgemacht hat, aber auch in den 1970er Jahren zu einem Symbol des politischen Terrors wurde?
Die Frage nach der richtigen Erinnerung ist sowohl eine private als auch eine öffentliche. Schleyer ist in einer Gesellschaft, die immer pluralistischer wird und in der die Vergangenheit ständig neu verhandelt wird, von wesentlicher Bedeutung. Er ermöglicht es der Gesellschaft, sich einer herausfordernden Vergangenheit zu stellen, und ehrt gleichzeitig die selbstlosen Erfahrungen seiner Familie, indem er offen darüber spricht, wie mit dem Vermächtnis seines Vaters umgegangen werden soll. Die Ausstellung „NOT MY HERO“ im Stuttgarter StadtPalais Museum, die die vielfältige Bedeutung von Hanns Martin Schleyer würdigt, zeigt die Bandbreite der aktuellen Diskussion um das „Schleyer-Vermächtnis“.
Schleyer und die Landshut-Entführung neu bewerten: Eine Reise
Als Jörg Schleyer 2017 nach Brasilien reiste, um sich mit der Entführung der Landshut auseinanderzusetzen, schlug er ein neues Kapitel in der Geschichte seines Vaters und seiner eigenen Erinnerung auf. Die Landshut ist ein wichtiger Bestandteil der historischen Analyse der RAF-Entführungen, weil sie für die unaussprechliche Gewalt der 1970er Jahre steht, die das Leben von 91 Menschen in den Händen von Terroristen veränderte. Neben Gesprächen mit ehemaligen Geiseln konnte Jörg Schleyer auch die Traumata nachvollziehen, die diese Ereignisse bei den Opfern auslösten, und die anhaltenden Auswirkungen, die sie bis heute haben.
Besonders prägend war Schleyers Begegnung mit Diana Müll, einer der Geiseln, die 1977 von den Terroristen entführt und in die Landshut gebracht wurde. „Ich habe einige wirklich entscheidende Lektionen gelernt. Er fuhr fort: „Mir ist jetzt klar, wie schrecklich eine solche Entführung gewesen sein muss.“ Der Besuch half Schleyer, die traumatischen Ereignisse aus der Sicht der Opfer besser zu verstehen, und war ein weiterer Schritt in seinem Prozess der Vergangenheitsbewältigung. Neben der physischen Reise zu einem historischen Ort ging es bei dieser Reise auch um eine innere Suche nach Empathie und Verständnis.